Psychotherapie, Psychologische Beratung, Coaching

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Markus Frauchiger - Falkenweg 8 - CH-3012 Bern
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Krisenintervention in der Integrativen Therapie (IT) nach Hilarion Petzold

aus: Rahm, D et al. (1996, 2nd ed.). Einführung in die Integrative Therapie, Seiten 518 - 532
überarbeitet von Markus Frauchiger im April 2000, September 2004 und März 2008

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  • zur Literatur "Integrative Therapie"
  • zu den Buchtipps und zum Volltextarchiv

  • 1. Zum Verständnis von Krise

    Krisen sind lebensnotwendige Prozesse. Sie treten immer dann auf, wenn sich Persönlichkeitsstrukturen gegenüber anstehenden Veränderungen als zu starr erweisen. Strukturen werden allerdings nicht "an sich" zu starr, sondern immer in bezug auf den Kontext, in dem sie ihre Funktion haben: Wer in einer bestimmten Lebenslage nur wegen seines zähen Durchhaltens Erfolg hatte, kann in einer anderen Situation aufgrund genau derselben Eigenschaft, die aber jetzt als Sturheit wirkt, scheitern.

    Krisen treten ebenso auch dann auf, wenn ein Mensch Veränderungen, insbesondere Traumatisierungen (z.B. durch Feuer, Unfall, Trennung, Tod, Verlust von Heimat, Verlust von Arbeit) nicht gewachsen ist.

    Krise läßt sich allgemein definieren als Labilisierung eines Systems (Person, Gruppe, Institution...), die von den vorhandenen Bewältigungsmöglichkeiten nicht aufgefangen werden kann, und damit zu einer Gefährdung des Bestandes / der Identität des Systems führt (vgl. Petzold 1991c, [siehe auch in Schnyder/Sauvant 1999, 157ff.]).

    Damit ist Krise immer Bedrohung, sie schließt immer den Verlust von etwas Altem, etwas Bekanntem und Bewährtem und die Angst vor etwas Neuem, etwas Unbekanntem mit ein: Krise steht am Beginn einer Veränderung - mit ungewissem Ausgang. Ebenso wie Krise Bedrohung ist, ist sie immer auch Chance. Es gibt keine Entwicklungsprozesse, keine Veränderung ohne Krise, ohne Loslassen von Altem, ohne Einlassen auf Neues.

    Man unterscheidet zwischen entwicklungsbedingten Krisen, die in jedem Leben zu bewältigen sind, und gesellschaftlich oder schicksalhaft bedingten Krisen (Krieg, Arbeitslosigkeit u.dgl.). Erstere treten vor allem an den Uebergängen von einem Entwicklungsabschnitt zum nächsten auf (Kap. Entwicklungstheorie und Gesundheits- und Krankheitslehre). Typische Krisenzeiten sind z.B. Geburt, Laufen-lernen, Beginn der Schulzeit, Pubertät, Ausbildungs- und Arbeitsbeginn, Bildung von Paarbeziehungen, Familiengründung, "midlife-crisis" (Hinterfragung bisheriger grundsätzlicher Orientierungen bezüglich Beruf / Lebensform / Lebenssinn), Beginn des Rentenalters, Sterben.

    Die meisten Krisen beruhen auf Mischformen von Bedingungen [sog. Doppel- und Mehrfachbelastungen] (z.B. "Pubertät plus keine Lehrstelle" oder "Mutterschaft plus Erschöpfung plus Verlust bisheriger kollegialer Kontakte plus Mangel an gesellschaftlichen Entlastungsmöglichkeiten").

    Als Therapeutlnnen werden wir konfrontiert mit Lebenskrisen unserer Klientlnnen, deretwegen sie entweder die Therapie suchen oder in die sie im Laufe der Therapie geraten. Sei es, daß äußere Umstände sich während dieser Zeit für die Klientln krisenhaft verändern oder sei es, daß der therapeutische Prozeß selbst - also eine therapiebedingte und im gewissen Maße sogar gewollte Dynamik - eine Krise verursacht bzw. unumgänglich macht.

    Krisen können relativ klein und abgegrenzt sein (z.B. ausgelöst durch: Verlust eines erinnerungsträchtigen Schmuckstücks, des ersten Zahns oder einer liebgewordenen Überzeugung, Mißlingen einer Arbeit, Ausbleiben der erwarteten Gehaltserhöhung, usw.) oder tief und allumfassend (z.B. ausgelöst durch schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen, Bypass-Operation, Tod eines nahen Angehörigen, Verlust von Heimat, unerträgliche Wohnsituation oder Arbeitsbedingungen, usw.).

    Um das Ausmaß einer Krise erfassen zu können, hat es sich bewährt, Krisen in bezug auf die Zahl der betroffenen Dimensionen zu betrachten: Welche und wieviele Säulen der Identität [ein wichtiges Grundkonzept der IT: 1. Säule = Körper, Sexualität, phys. Gesundheit, 2. Soziales Netz, Freunde, Beziehungen, 3. Tätigkeiten, Arbeit, Freizeitgestaltung, 4. Wohnen, Geld, Materielles, 5. Werte, Religion, Spiritualität] sind "angeknackst", welche und wieviele sind stabil, geben Sicherheit und wirken kompensierend?

    Wie Krisen erlebt und verarbeitet werden, hängt allerdings nicht nur davon ab, wie tiefgreifend und allumfassend die Erschütterungen sind, sondern auch davon, welche Erfahrungen ein Mensch in seinem bisherigen Leben mit Krisen und deren Ueberwindung gemacht hat.

    Beispiel:

    Jemand fällt durchs Examen, es liegt ein erheblicher Erschöpfungszustand vor (drei Nächte durchgearbeitet), die Wohngemeinschaft hat sich eben aufgelöst, die Partnerin hat sich von ihm getrennt, die Uebernahme in ein Beschäftigungsverhältnis ist nicht möglich, weil dafür das Bestehen des Examens Voraussetzung war: Dieser Mensch ist weniger gefährdet, wenn er sich z.B. erinnern kann, daß er schon mehrfach im Leben schwierige Zeiten durchstehen konnte ("Durchhalten lohnt sich, es gibt auch wieder bessere Zeiten"), wenn er Mißerfolge relativieren / kompensieren kann ("Dafür bin ich ein großartiger / glücklicher Klavierspieler"), wenn er in seinem Leben eine Sinnorientierung hat, wenn es andere verläßliche Beziehungen für ihn gibt, usw..

     

    2. Zum Verlauf von Krisen

    Ein "typischer Krisenverlauf" läßt sich - schematisch und grob vereinfacht - folgendermaßen darstellen:

    Ein krisenhaftes Geschehen wird durch innere und/oder äußere Ereignisse (Konflikt/Trauma) ausgelöst (z.B. Kündigung, Tod der Mutter, Widerstand und Krise in der Therapie). Es entsteht Turbulenz, Unsicherheit, Verwirrung, Angst (Perls [z.B. 1973] spricht von Impass: Engpass-Gefühl). Die alten Abwehrstrukturen sind labilisiert, drohen sich aufzulösen. Diese Phase dauert unterschiedlich lange und verläuft unterschiedlich dramatisch bis zum Höhepunkt / Wendepunkt im Krisenverlauf (Crisis heißt "Höhepunkt").

    Wenn der Krisenverlauf nicht im positiven Sinne (Neuorganisation) gelingt, kann es an dieser Stelle zu zwei verschiedenen Arten von Dekompensationen kommen, zur hyperaktiven Dekompensation (z.B. beim reaktiven spontanen Suizid) oder zur malignen regressiven Dekompensation (z.B. beim - resignativen - Bilanzselbstmord). Petzold (1991c [siehe auch in Schnyder/Sauvant 1999, 157ff.]) spricht in diesem Zusammenhang von zwei verschiedenen Reaktionstypen in Krisen: dem eher extravertierten "überschießenden" und dem introvertierten regressiven Typ.

    Wenn der Krisen verlauf "glückt", folgt dem Wendepunkt eine - eventuell tiefgreifende - Veränderung, die häufig erlebt wird "wie Watte", "wie Leere" oder als plötzliche Ruhe. Die Klientln kennt sich in dem Neuen noch nicht aus, es gibt dafür noch keine Erfahrungen, keine Strukturen. ("Wer bin ich denn, wenn ich mich nicht mehr mit den Augen meines Vaters sehe/am Leistungsmaßstab meiner Mutter messe?") Erst allmählich bilden und stabilisieren sich Strukturen, in denen diese neuen Erfahrungen integriert sind. Die Klientin steht am Anfang von Neuorganisation.

    Wenn es nach der Krise nicht zu einer Neuorganisation kommt, wenn alles doch wieder irgendwie so wie vorher ist, haben wir es mit einem Geschehen zu tun, das wir im vorangegangenen Kapitel als Rebound beschrieben haben: Rebound-Prozesse sind solche, bei denen es (noch) nicht zu Neustrukturierung kommt, obwohl die Bewegung zum Neuen hin bereits möglich ist. Das Alte, scheinbar Bewährte kann hier noch nicht losgelassen werden, es braucht mehrere Anläufe, mehrere "Turbulenzen". Loslassen ist oft mit erheblichem Aufwand verbunden. Dies wird an der folgenden vereinfachten Darstellung zur Verarbeitung von Verlusten deutlich:

    Auf einen Verlust wird mit einem wie auch immer gearteten Protest (z.B. auch: Nicht-Wahrnehmen des Verlustes) reagiert, es folgt Verzweiflung, bis es zu einer ersten Beruhigung kommen kann und wieder zu einem vielleicht noch schmerzvolleren oder umfassenderen Erkennen des Verlustes mit entsprechendem Protest, Verzweiflung, usw.. Dieser Kreislauf wird vielleicht einige Male durchlebt, durchlitten, bis mehr und mehr losgelassen werden kann - sofern dieser Prozeß nicht an irgendeiner Stelle "chronisch" blockiert ist.

    Krisen unterscheiden sich auch nach ihren Verlaufsformen: Handelt es sich um ein akutes Geschehen oder um eine schleichende Entwicklung, die sich nur ganz langsam krisenhaft zuspitzt? Akute Krisen sind meist "lauter", dramatischer (z.B. mehrfach wiederholte deutliche Suiziddrohungen). Besonders für Anfängerlnnen im therapeutischen Beruf können sie sehr erschreckend sein. Die Gefährdung darf selbstverständlich keinesfalls unterschätzt werden, dennoch: Schleichende stille, sich langsam zuspitzende Krisenverlaufe sind häufig weit gefährlicher. Akute, dramatische Krisen sind meist therapeutisch leichter erreichbar, die auslösenden Situationen sind deutlicher erkennbar.

    Die Vorwarnzeichen schleichender Krisen werden leichter übersehen, weil sie weniger prägnant sind. In der Therapie sind ihre Anfänge manchmal nur erkennbar an einer diffusen atmosphärischen Veränderung der therapeutischen Beziehung. Die Klientln wirkt z.B. feindselig oder "klebrig" oder besonders abgeklärt. Die Veränderung wird der Therapeutln vielleicht erst deutlich, wenn sie sich explizit fragt: "Wie ist eigentlich unsere Beziehung jetzt im Verhältnis zu dem, wie ich sie vor drei Monaten empfunden habe?" Krisenhafte Entwicklungen können leicht übersehen werden bei besonders angepaßten Klientlnnen oder bei sogenannten "Lieblings-Klientlnnen".

    Beispiel: Bei einer Klientin gab es über weite Strecken eine erstaunlich erfolgreiche Entwicklung sowohl bezüglich der therapeutischen Beziehung als auch außerhalb der Therapie. Ganz nebenbei - aber zunehmend häufiger - ewähnte die Klientin, daß sie seit längerer Zeit nachts nur ca. zwei bis drei Stunden schlafe und es dauerte unverhältnismäßig lange, bis die Therapeutin "adäquat alarmiert" war (vgl. "Rebound" und die Bemerkungen über negative therapeutische Effekte im vorangegangenen Kapitel).

     

    3. Warnsignale

    Zu den mehr "objektiven" Krisenzeichen gehören psychotische Symptome, psychosomatische Erkrankungen, besonders, wenn diese plötzlich oder in Schüben auftreten, Suizid-Gedanken, -Ankündigungen, -Drohungen, alarmierende Träume sowie ein Aus-dem-Kontakt-Gehen, Kontaktabbrüche.

    Zu den Warnsignalen zählen sowohl solche, die die Klientln berichtet bzw. aussendet als auch / und solche, die die Therapeutln eher bei sich selbst spürt [Gegenübertragung]. Zur Veranschaulichung zählen wir eine Reihe von Warn-Zeichen auf: gehäufte Kommunikationsstörungen, "Unerreichbarkeit" der KlientIn, Spaltungen, Erstarrung, Enge, Angst, Resignation, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung, plötzliche friedliche Ruhe nach schwerer Depression (Suizid-Entscheidung), reduzierte Fähigkeit zur Exzentrizität, mangelnde Zukunftsperspektive, starke Bedürftigkeit, mangelnde Abgrenzungsfähigkeit, Gefühl "von allem" überflutet zu werden (z.B. "Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich machen soll /Alles ist zusammengebrochen / Es wird nie wieder gut werden / Ich will nur noch weg / schlafen / tot sein").

    Auch Veränderungen in der Beziehung zu anderen Menschen, zur Therapeutln können ein Warnsignal sein (z.B. die Klientln wird anderen gegenüber mißtrauisch, feindselig, interesselos oder projiziert dies in andere hinein, von "Ich habe keine Lust, mich mit ihr zu treffen" bis "Du willst mich zerstören"). Das gleiche gilt für Tendenzen, die Therapie abzubrechen, insbesondere, wenn sie sehr plötzlich auftauchen und wenig nachvollziehbar erscheinen. In diesem Zusammenhang kann es auch beachtenswert sein, wenn eine Klientln Rechnungen begleicht, die seit langer Zeit ausstehen.

    Körperliche Symptome als Anzeichen für Krisen können beispielsweise sein: Massive Schlafstörungen, Eß- und Verdauungsstörungen, Kopfdruck, Schwindel, Hyperventilation, Benommenheit, verstärkte Menstruationsbeschwerden, Verschlechterung des Zustandes der Haut (bei einem Neurodermitiker) oder der Gelenke (bei einem Rheumatiker), usw. Manche Klientlnnen müssen danach gefragt werden. Sie nehmen von sich aus nicht an, daß diese Symptome von psychotherapeutischem Interesse sind. - Es versteht sich von selbst, daß körperliche Symptome auch ärztlich abgeklärt und ggf. behandelt werden müssen.

    Wenn bei Klientlnnen Ereignisse eintreten, von denen mehrere Säulen der Identität massiv betroffen sind (z.B. Geburt des ersten Kindes plus Umzug und Verlust des bisherigen sozialen Netzes sowie Verlust der bisherigen beruflichen Identität), sollten wir darauf achten, ob Anzeichen für eine krisenhafte Entwicklung zu finden sind.

     

    4. Zum therapeutischen Umgang mit Krisen

    Wir sprechen im weiteren sowohl von Krisen, deretwegen Klientlnnen eine Therapie aufsuchen, als auch von Krisen, die im Verlauf von Therapie entstehen. Die Arbeit mit beiden Arten von Krisen unterscheidet sich im wesentlichen nur darin, daß bei Krisen im Therapieverlauf auf eine bereits vorhandene Beziehungsbasis zurückgegriffen werden kann.

    Die Therapeutln trägt in Krisenverläufen ein höheres Maß an Verantwortung als in anderen Zeiten der Therapie. Krisen beinhalten auf Seiten der Therapeutin immer Entscheidungsprozesse, sind immer eine Gratwanderung: Wie hoch ist das Risiko/die Gefährdung der Klientln? Wieviel Risiko/Verantwortung ist die Therapeutln bereit und in der Lage zu übernehmen? Besteht die Möglichkeit der Unterstützung durch Supervision und/oder Kontrollanalyse?

    In der Krisenarbeit ist es ganz besonders wichtig, das Machbare nicht zu überschätzen, Grenzen zu beachten, Grenzen der Therapeutln, der Klientln, des Settings.

    Wir werden in diesem Abschnitt zunächst beschreiben, was bei einem Erstgespräch in einer Krisensituation zu bedenken ist. Anschließend werden wir Techniken der Krisenintervention beschreiben und zuletzt auf die "Nachbereitung der Krise" eingehen.

     

    4.1 Erstgespräch

    Wir bereiten uns auf ein Erstgespräch mit einer Klientln vor, die sich z.B. wegen einer suizidalen Krise zur Therapie angemeldet hat. Folgende Themen/Fragen/Techniken könnten wichtig sein: Erzählen lassen. Wie lange schon? Woher kennt sie so etwas sonst? Welche Auslöser und Ursachen kennt oder vermutet sie selbst? Was hat sie schon versucht? Was noch nicht? Mit wem hat sie schon darüber geredet? Mit wem nicht? Von wem hat sie bisher Hilfe erfahren? Von wem nicht? Phantasieren, was schlimmstenfalls/bestenfalls geschehen könnte. Bestätigen: "Das ist wirklich schlimm." (Verstehen und Trösten sind für die Klientln meist etwas Neues. Gerade daran besteht oft ein akuter Mangel. Allerdings können Verständnis und Trost manchmal kaum angenommen werden, die Klientln ist dann nahezu sicher, daß niemand sie verstehen wird, daß es nicht lohnt, mit anderen zu reden.)

    Entlasten durch Verständnis / durch Erklärungen: "In solchen Situationen braucht man / brauchen auch andere Menschen jemanden, der die Not sieht / mit dem man darüber reden kann / von dem man sich verstanden fühlt." "Manchmal ist es leichter, wenn es jemand ist, der außen steht, mehr Abstand und damit auch mehr Ueberblick hat / der größere Entwicklungsphasen in den Blick nehmen und vielleicht eher eine Krise auch als Uebergangsstadium sehen kann."

    Die Zeit bis zur nächsten Sitzung strukturieren, konkrete Pläne machen: "Was können Sie heute abend/morgen vormittag tun?

    Welche Tageszeit ist für Sie einfach / schwierig? Was (konkret) kann helfen, die nächsten Stunden/Tage zu überstehen? Welche Hilfs- und Kompensationsmöglichkeiten zur Alltagsbewältigung gibt es (jemand kommt, um für die Klientln zu kochen oder aufzuräumen/ so lange sie Fenster putzt, Musik hört, arbeitet, das leere Zimmer nicht betritt... geht es ihr gut)? Kann die Klientln sagen, was ihr gut tut / schadet / sie entlastet / was sie vermeiden sollte?"

    Versuchen herauszufinden, welche Unterstützung die Klientln sich selbst geben kann (Friseur, Spaziergang, Arbeit, Kontakte, Ruhe) und was sie von der Therapeutln braucht (angespornt werden, getröstet werden, konkrete Erlaubnis, z.B., sich eine Haushaltshilfe, einen Kredit oder eine Krankschreibung zu leisten).

    Versuchen herauszufinden, welche Unterstützungsmöglichkeiten im Umfeld der Klientln mobilisierbar und sinnvoll sind (FreundInnen, Verwandte, Sozialamt, Telefonseelsorge, Pfarrer, ...).

    Fragen, was jetzt anders ist als zu Beginn der Sitzung, sofern eine Veränderung spürbar ist und wodurch diese möglich wurde. Für die Klientln ist wichtig zu erkennen: Es handelt sich nicht um Zauberei: Die KlientIn hat ganz konkret zur Veränderung beigetragen, z.B. durch Reden, sich Öffnen, sich Abgrenzen, etwas Annehmen, etc. - die Erfahrung wird also wiederholbar sein.

    Gegebenenfalls genau die Gefährdung abklären, z.B. wie konkret sind Suizidgedanken, hat die Klientln bereits Vorbereitungen (Tabletten sammeln oder ähnliches) getroffen? Gegebenenfalls Not-Maßnahmen (siehe unten: Techniken) ergreifen.

    Während des Erstgesprächs bzw. im Anschluß daran sollte eine Entscheidung getroffen werden können, in welche Richtung die Krisenarbeit laufen sollte: Wird es stärker um drastische Veränderungen und damit um eine Vorwärtsstrategie, um Durchstehen der Krise gehen? Oder ist ein "Rückzug" auf Bewährtes, auf Altes noch möglich und sinnvoll, können also alte Sicherheiten/Abwehrstrukturen noch gestärkt werden?

    Ist es also möglich, den Blick schwerpunktmäßig auf all das zu richten, was stabilisieren könnte (siehe auch weiter unten: Techniken) und Labilisierendes vielleicht nur zu benennen, beiseite zu schieben oder auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen (zu dem es dann voraussichtlich mehr Kraft, Sicherheit, Raum oder Zeit dafür geben wird)?

    Die Beantwortung dieser Frage wird in erster Linie davon abhängig sein, zu welchem Zeitpunkt im Krisenverlauf die Klientln sich befindet: "Rückzug" wird im allgemeinen nur zu Beginn einer krisenhaften Entwicklung möglich sein. Die Frage, welche Sicherheiten einer Klientln in ihrem Lebenskontext zur Verfügung stehen, ist hier natürlich ebenfalls von großer Bedeutung: Eine Klientln, die hier eine sichere Basis hat, wird vielleicht ein erhöhtes Krisen-Risiko eingehen wollen und können, obwohl die Möglichkeit eines "Rückzugs" gegeben wäre.

    Bevor die Therapeutln sich dafür entscheidet, eine Krisenintervention durchzuführen, sollte sie sich mit folgenden Fragen auseinandersetzen (diese Entscheidungsmöglichkeit ist nur dann gegeben, wenn die Klientln sich wegen einer Krise anmeldet, nicht, wenn die Krise im Verlauf der Therapie entsteht):

    - Wieviel Erfahrung und Kompetenz habe ich gerade für diese Arbeit? Wieviel Unterstützung kann ich mir (z.B. durch Supervision) holen?

    - Habe ich derzeit genug Kraft für diese schwere Arbeit? (Kann ich mich z.B. auf nächtliche Anrufe, Extra-Sitzungen einstellen, könnte ich meinen Terminplan für die nächste Zeit prophylaktisch entsprechend verändern?)

    - Wieviel Angst habe ich vor dieser Arbeit? Wieviel weiß ich über meine Eigenanteile, die davon berührt werden? (Auch hier wäre wieder die Frage nach Supervision oder anderer kollegialer und/oder professioneller Hilfe zu stellen.)

    - Steht für den Prozeß eine genügend lange Zeit zur Verfügung? (Wenn z.B. ein Urlaub oder ein Examen ansteht, sollte der Schwerpunkt eventuell sehr viel stärker auf stützenden Maßnahmen liegen).

    - Klappt der Kontakt zu dem Arz (lnternist/Psychiater), mit dem ich gegebenenfalls zusammen arbeiten will?

     

    4.2 Techniken der Krisenintervention

    Wir werden Techniken, die sich in der Krisenintervention besonders bewährt haben, unter folgenden Fragestellungen besprechen:

    - Kontakt/Beziehung,

    - Techniken des inneren Beistands,

    - Techniken der inneren Distanzierung,

    - Ressourcen.

    Ansatzweise kamen diese Techniken bereits bei der obigen Ideensammlung für das Erstgespräch zum Tragen. In fast allen Kriseninterventionen wird es um ein Miteinander dieser vier Arten von Techniken gehen, allerdings mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, die nach Persönlichkeitsstruktur der Klientln, Art und Schwere der Krise, Art der Beziehung zwischen Therapeutln und Klientln, Beschaffenheit des Settings, usw. differenziert. - Dies gilt sowohl für Krisen, die im Verlauf einer Therapie beginnen, als auch für Krisen, derentwegen eine Klientln zur Therapie kommt.

     

    4.2.1. Kontakt / Beziehung

    Was für jede therapeutische Arbeit Grundlage ist, gilt für Kriseninterventionen ganz besonders: Die Beziehung zwischen Klientln und Therapeutln ist für Verlauf und Erfolg der Therapie von entscheidender Bedeutung. In der Krisenintervention muß die Therapeutln möglichst schnell einen Kontakt zur Klientln herstellen und diesen dann aufrechterhalten. In den meisten Fällen gibt es aufgrund der Rollenkonfiguration, der Professionalität und der Kompetenz der Therapeutln einen Vertrauensvorschuß, eine Sicherheit, die gerade in der Krisenintervention als eine erste gemeinsame Basis genutzt werden kann. "Mehr Vertrauen" ist in der Krisenarbeit häufig gar nicht notwendig. (Sofern dies doch der Fall ist, sofern es also um die Erarbeitung von Vertrauen geht, siehe unsere Ausführungen zu Beziehungsarbeit im vorangegangenen Kapitel.)

    Krisenarbeit besteht oft in einem unmittelbaren "Berühren":

    Durch Stimme, durch Worte, durch Körperkontakt, weniger durch den Blick - Blicke können am leichtesten mißverstanden werden. Wenn die Beziehung schon gefestigt ist und wenn die Klientln stark regrediert ist, kann der Kontakt zu ihr die Qualität wie zu einem "Kind in Not" annehmen: Durch Halten, Wiegen, Summen und Worte wie "weine ruhig", "jetzt ist alles gut", "ich bin bei dir", "ich weiß, daß es wieder besser wird" geben wir der Klientln die Möglichkeit für Entlastunng, für Ausdruck von Kummer, Schmerz, Verzweiflung, Wut, ... sowie für Beruhigung. Sie kann erleben, daß sie verstanden wird, nicht allein ist.

    Bei fortlaufenden Therapien wird bei jeder Krise der Klientln immer die therapeutische Beziehung mit betroffen sein (was dann immer auch eine Chance für die Weiterentwicklung der therapeutischen Beziehung ist). Dann wird es vielleicht um Fragen gehen wie: "Wie stehen Sie zu mir, wenn Sie etwas so Schreckliches aus meiner Kindheit hören?", "Ich bin ein Schwein, ich hasse mich, könnte mich auskotzen - niemand kann mich länger ertragen. Auch Sie nicht!", "Ich habe Angst, dass Sie das ausnutzen, wenn ich so klein / abhängig von Ihnen bin", "Wieso haben Sie das nicht verhindert, wozu bin ich in Therapie?"

     

    4.2.2 Techniken des "inneren Beistands"

    Mit den Techniken des "inneren Beistands" knüpfen wir an unsere Ausführungen in den Kap. Entwicklungstheorie und Persönlichkeitstheorie an (vgl. "significant other", "self regulating other", "evoked companion") und machen uns diese Erfahrungen zunutze.

    Selbstverständlich gehört all das, was wir oben unter Kontakt / Beziehung geschrieben haben, also z.B. Zuhören, Trösten, Verstehen, Erklären auch zu Beistand. Auch das Aufrechterhalten der Verbindung von einer Sitzung zur nächsten gehört dazu. Dies ist z.B. möglich durch die Verabredung von Telefon- oder Briefkontakten oder die Verwendung von Uebergangsobjekten oder guten "magischen Objekten" (siehe Kap. Entwicklungstheorie) als "Leihg~ben", z.B.: "Ich gebe dir diese Wurzel mit nach Hause ... sie steht für ...".

    Klientln und Therapeutln können sich gemeinsam auf die Suche machen, welche inneren Beistände, welche Nothelfer es im Leben der Klientln gegeben hat.

    Dazu kann die Therapeutln die Klientln auf eine "Reise in die Vergangenheit" begleiten oder mit ihr ihre Lebensstraße entlang gehen (sie eventuell malen lassen) und jeweils sehr konkret schauen, wer bei ihr war, wer ihr gut war, wer ihr geholfen hat. Das müssen nicht immer sehr nahe Personen sein. Vielleicht ist es der Lehrer, der sie gesehen hat, der dafür gesorgt hat, daß sie das Gymnasium besuchen konnte, oder die Patentante, die nur zu ihrem Geburtstag kam, die ihr aber jedesmal einen Mantel geschenkt hat - das einzige Kleidungsstück, das sie nicht von den Geschwistern auftragen mußte und mit dem sie immer schön angezogen war - oder die Katze der Nachbarin, bei der sie sich ausweinen konnte. Bei einer Klientln, die mit sechzehn Jahren gegen den Willen der Großeltern mit ihrem Sparbuch das Haus verließ, um sich ein Zimmer zu mieten und eine Ausbildung zu beginnen, war es der Taxifahrer, der sie zu ihrem ersten Vermieter fuhr und ihr unterwegs Ratschläge gab, sich nicht übers Ohr hauen zu lassen: "Er hat sich wirklich Sorgen um mich gemacht, obwohl er das gar nicht mußte". Innerer Beistand können auch Tiere sein, Orte oder Zeichen der Kraft, ein Amulett, ein Wappen oder ein Schutzengel. Wenn ein innerer Beistand gefunden ist, ist es gut, ihn möglichst konkret, möglichst lebendig werden zu lassen: Wie sah der Taxifahrer aus, was hatte er an, kannst du dich an den Geruch im Taxi erinnern? Was würde er heute zu dir sagen? Wie könnte er dir heute beistehen? Oder, wenn die Klientln erzählt, daß es ihr immer gut geht, wenn sie am Meer ist: "Stell dir das Meer jetzt einmal vor..., spür den Wind auf der Haut..., wie schmeckt/riecht die Luft?..., nimm den Sand in die Hände..., tauch die Füße ins Wasser..., spür, wie du atmest, wenn du auf das Meer schaust..., wie fühlst du dich jetzt?..., kannst du eine Verabredung mit dem Meer treffen, wiederzukommen? Was kannst du von diesem Gefühl mitnehmen/hinüberretten in dein jetziges Leben?" Vielleicht kann der Dialog zwischen Klientln und Meer aufgeschrieben oder gemalt oder in Form eines Gedichtes festgehalten werden.

    Wenn kein deutliches Bild eines inneren Beistandes gefunden werden kann, ist es auch möglich, eines zu erzeugen, zu errfinden: "Wie müßte Dein innerer Gefährte sein, welche Sprache, welchen Dialekt müßte er sprechen, soll es ein Mann oder eine Frau sein?..., wie alt ist sie?..., wie sieht sie aus, welche Farbe haben ihre Augen?... wie spricht sie mit dir?..., was sagt sie dir?..., welchen Namen gibst du ihr?"

    Es kann ganz konkret geübt werden, sich den Nothelfer mit geschlossenen Augen immer wieder herzuholen, bis das jederzeit möglich ist. Dann können zukünftige sehr belastende Situationen vorgestellt, der Nothelfer herbeigezaubert und die Situation mit diesem durchgestanden werden.

    Oder die Klientln formt im Beisein der Therapeutln aus Ton ein Amulett, in das z.B. all das eingedrückt wird, was ihr im Leben Mut und Kraft gegeben hat bzw. gibt.

     

    4.2.3 Techniken der "inneren Distanzierung"

    Die Techniken der inneren Distanzierung sind vor allem deshalb so wichtig, weil die Atmosphäre der Krise häufig so überwältigend ist, daß die Klientln ohne Hilfestellung aus der Involvierung (Kap. Persönlichkeitstheorie) nicht herauskommen, nicht in die "exzentrische Position" [Grundkonzept der IT: sich imaginativ "von aussen" betrachten können, die Involvierung verlassen können] gehen kann.

    Auch Vergangenheit und Zukunft sind meist von dieser Atmosphäre überschattet. Die Techniken der inneren Distanzierung haben also vor allem das Ziel, daß die Klientln sich aus ihrer verengten Sichtweise lösen kann, sich einen Ueberblick verschaffen kann, Abstand bekommt.

    Wir zählen einige Möglichkeiten auf:

    - Rollentausch (s. auch unsere Ausführungen zu Rollenspiel im Kapitel Therapeutische Interventionen): Die Klientln geht in eine andere Rolle, identifiziert sich mit dieser, bekommt (wieder) Kontakt mit Erlebensqualitäten, die ihr in ihrer eigenen Rolle zur Zeit nicht zugänglich sind. Ihre eigene Rolle kann sie auf diese Weise mit Abstand - z.B. auch mit den Augen anderer -betrachten.

    - Wir können die Klientln bitten, ihren Freund/ihre innere GefährtIn hinter ihren Stuhl treten zu lassen, auf sie zu schauen und aus dieser Perspektive beschreiben zu lassen, wer dort auf dem Stuhl sitzt. (Vielleicht auch, was ihr im Moment fehlt, was sie im Moment vor allem brauchen würde.)

    - Kino: Wir können uns mit der Klientln in der Vorstellung in einen Kinosaal setzen, letzte Reihe, mit Langnese-Eis, und uns mit großem Abstand ihre Krisensituation - vielleicht mit einer Hauptdarstellerin ihrer Wahl - auf der Leinwand anschauen. Vielleicht unter dem Aspekt, daß wir Kritiker sind und unterschiedliche Entwürfe für die Fortsetzung der Handlung beurteilen sollen (s. auch Kapitel Therapeutische Interventionen)

    - Zeitmaschine: In Krisen ist der Zukunftshorizonthäufig zusammengebrochen. Techniken wie Zeitmaschine sind eine Möglichkeit, ihn wieder zu beleben. Wir können der Klientln z.B. eine Anleitung geben, die derzeitige Situation auf der Zeitachse zu verlassen, in die Zukunft zu reisen, zu einem Zeitpunkt, zu dem die derzeitigen Probleme voraussichtlich längst überwunden sind. Wir können die zukünftige Situation ganz konkret ausmalen, erkunden und hier Hoffnung tanken. Auf ähnliche Weise können wir per Zeitmaschine zurück in die Vergangenheit gehen und über konkrete Vorstellungen den Blick wieder auftun für das, was in ihrem bisherigen Leben gut war. (In jedem Lebenslauf - auch in einem ganz tragischen - lassen sich Dinge finden, die gut gewesen sind).

    - Zauberladen: z.B. können wir der Klientln vorschlagen, im Zauberladen drei Dinge abzugeben, die sie loswerden will und gegen etwas anderes einzutauschen, das sie haben möchte. Gerade durch diese Moglichkeit der Distanzierung können hier Wünsche ausgesprochen werden oder Veränderungen phantasiert werden, die der Klientln als reale Wünsche nicht ins Bewußtsein gekommen wären, die aber häufig genau das treffen, um was es geht (z.B. die Schwiegermutter/Mutter loswerden und gegen eine bezahlte Haushaltshilfe eintauschen).

    - Reframing: Diese Technik aus der Tradition der Familientherapie bedeutet, der Klientln einen neuen Bezugsrahmen zu geben, in den das Geschehen auf neue Weise eingeordnet werden kann. Beispiel: Eine Klientin, die über lange Zeit schwer depressiv war, beginnt eine Gruppentherapie und berichtet dort von einer neu aufgetretenen Symptomatik, die sie sehr beunruhigt: Wenn sie ein Messer sieht, bekommt sie Angst, damit zuzustoßen: Allein dadurch, daß die GruppenteilnehmerInnen und die TherapeutIn dies als einen wichtigen Schritt aus ihrer Depression heraus werten, sowie durch die zusätzliche Information, daß diese Symptomatik gar nicht so selten ist, geht es der Klientin in der Folgezeit erheblich besser.

    - Um sich distanzieren zu können, ist es hilfreich, in der Arbeit zusätzlich immer auch die kognitive Ebene anzusprechen, der Klientln helfen zu verstehen, was geschehen ist, wie das passieren konnte, der Klientin z.B. auch Informationen oder Erklärungsmodelle über typische Krisenverläufe anzubieten. Es liegt darin eine Möglichkeit, die Krise zu relativieren, als etwas, das es auch bei anderen Menschen gibt - und das überwunden werden kann.

     

    4.2.4 Ressourcen

    Wir bemühen uns herauszufinden, über welche Ressourcen die Klientln selbst verfügt (vgl. vorangegangenes Kapitel), um diese zu aktivieren und auf dieser Basis (weiter) Bewältigungsmechanismen zu entwickeln. Wir werden hierzu drei Aspekte betrachten:

    • Ressourcen, die der Klientln unmittelbar zur Verfügung stehen,
    • Ressourcen im Umfeld,
    • "Notfall-Ressourcen".

    Ressourcen, die der Klientin unmittelbar zur Verfügung stehen: Im Kapitel Therapeutische Interventionen haben wir dargestellt, wie eine Ressourcen-Analyse durchgeführt und bildnerisch dargestellt werden kann. Anhand der Säulen der Identität lassen sich Ressourcen für alle fünf Identitätsbereiche erarbeiten. Auf dem Hintergrund dessen, was die Klientln gern tut oder tun kann, lassen sich dann Bewältigungsstrategien aktivieren bzw. entwickeln; z.B. im leiblichen Bereich: Sauna, Wandern, Radtour, Yoga, Joggen, Schlafen, Sexualität, Make-Up oder Parfüm benutzen, Friseurbesuch, ein figurbetontes Kleidungsstück kaufen, ... (jeweils prüfen, welches Setting - z.B. allein, mit Freundin, mit Freund, mit mehreren - positiv wäre). Im Bereich Arbeit und Leistung: die tägliche Routine strukturieren / erledigen / nicht erledigen, zur Arbeit gehen / nicht zur Arbeit gehen, etwas Kreatives herstellen, den Schreibtisch aufräumen / die Unordnung liegen lassen, sich einen Steuerberater suchen, Klavier spielen, ...

    Zu den Ressourcen der Klientln gehören auch die Fähigkeiten zur Krisenbewältigung, die sie im Laufe ihres Lebens entwickelt hat. Klientln und Therapeutln können hierfür gemeinsam den Lebenslauf der Klientln unter dem Aspekt betrachten, welche schwierigen Ereignisse, Zeiten, Phasen es gegeben hat, wodurch es der Klientln möglich war, diese durchzustehen, zu überwinden, auch, von wem (oder durch was) sie sich helfen lassen konnte: Läßt sich davon etwas auf die vorliegende Krise übertragen ?

    Ressourcen im Umfeld: Wir betrachten das soziale Atom [Konzept von Moreno: wichtige Personen werden symbolisch mit z.B. verschiedenen Münzen auf einer Fläche gemäss emotionaler Wichtigkeit ausgelegt und korespondierend bzw. hermeneutisch gedeutet] der Klientin (siehe Kap. Persönlichkeitstheorie) unter dem Aspekt, wer im nahen und mittleren Bereich für die Klientin - in welchem Rahmen und in welchem Maß - zur Verfügung stehen könnte, ihr guttun könnte: für einen Spaziergang, für einen gemeinsamen Einkaufsbummel, zum Reden und Verstehen, zum Trösten, zum Verwöhnen, als Hilfe beim Umzug oder bei der Examensarbeit, zum Rund-um-die-Uhr-erreichbar-sein, um dort schlafen zu können, usw.. Eventuell muß konkret erarbeitet und geübt werden, wie sie diese Menschen ansprechen kann.

    Notfall-Ressourcen: Zum einen muß abgeklärt werden, wie zuverlässig erreichbar die TherapeutIn für die KlientIn sein sollte und ist und welche Möglichkeiten bestehen, daß sie durch KollegInnen vertreten wird. Ebenfalls muß geregelt werden, ob, wann und unter welchen Umständen - sofern dies nicht bereits geschehen ist - welcher Arzt hinzugezogen werden soll und gegebenenfalls wie und auf welche Weise der Kontakt zum Arzt aufrechterhalten und geregelt werden soll.

    Das gleiche gilt für eine eventuelle Klinik-Einweisung: Es ist sinnvoll, vorher zu klären, wann ein Notfall vorliegt und was dann konkret zu tun ist. Es reicht nicht aus, die Klientln in eine Klinik zu schicken: Im Notfall muß sie von der Therapeutin "direkt dort abgegeben" werden.

    Uns ist wichtig zu betonen, daß die hier beschriebenen Techniken keine Patentrezepte sind und sein können. Es sind lediglich Leitlinien.

    5. Nachbereitung der Krise

    Für die Neuorientierung bedarf es einer Nacharbeit. Als Orientierungshilfe können dabei folgende Fragen dienen:

    - Was genau ist passiert? Wie? Wodurch? Wie hat sich die Krise für mich/für andere bemerkbar gemacht? Wie haben sich meine Gefühle in dieser Zeit verändert?

    - Welche meiner Fähigkeiten haben mir durchgeholfen und sind dabei gewachsen?

    - Was war mir an mir selber neu und hat sich bewährt? (z.B. "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich jemanden um Hilfe bitten können.")

    - Was könnte für mich immer wieder krisenauslösend sein? (Mein Krisenpotential?)

    - Welche künftigen Lebenskrisen lassen sich voraussehen? Was habe ich jetzt schon darüber erfahren, wie ich mit kommenden Krisen umgehen kann?

    Diese Art von Nacharbeit ist immer auch eine optimale Krisenprophylaxe.
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